Mundart: geduldet oder trendy?

Auf Einladung des Arbeitskreises „Mundart in der Kirche“ fand im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum ein Mundartwochenende statt.

Lesen Sie den Artikel aus dem Weißenburger Tagblatt über diese Veranstaltung:

PAPPENHEIM (rr) – „Dialekt hat ganz viele Chancen, aber auch Grenzen. Auf
diese Grenzen zu achten ist, ist mir wichtig.“ Diese Aussage  Bernd
Siblers kann als Fazit für eine Podiumsdiskussion im
Evangelischen Bildungszentrum Pappenheim genommen werden, an der der bayerische
Kultusstaatssekretär jüngst teilnahm.

Eingeladen hatte der Arbeitskreis „Mundart in der Kirche“. Diskutiert wurde
über das Thema „Mundart: Verboten – Erlaubt – Cool“. Und es stellte sich
schnell heraus, dass die Redner am Podium, aber auch die Tagungsteilnehmer in
einem sich einig sind: Es kommt auf das Niveau beispielsweise einer Predigt an
und nicht darauf, ob sie in Hochdeutsch oder in einem Dialekt gehalten wird.

Der Arbeitskreis „Mundart in der Kirche“ wurde 1994 in Rückersdorf bei Nürnberg
nach einer Tagung der Landessynode der evangelischen Kirche gegründet. Neben
dem Erfahrungsaustausch von Mundart-Schaffenden in der Kirche steht beim
Arbeitskreis die Fortbildung von Mundartautoren und -sprechern auf dem
Programm. Hauptanliegen ist es, dass Dialekt in der Kirche die ihm zustehende
Bedeutung erhält.

Mundart hat es immer schwerer angesichts der Vermengung vieler Dialekte, des
Vermischens mit fremden Sprachen und generell einer globalisierten Welt. Denn
die verlangt nach Ansicht von Sibler immer mehr Uniformität, um sich weltweit
verständlich machen zu können. Der Politiker aus Plattling spricht nach eigenem
Bekunden in München „ein Hochniederbayerisch“. Bei internationalen Veranstaltungen
sei außerdem Englisch gefragt. Er kann aber auch jederzeit demonstrieren, „wia
mia dahoam a so schmatzn“.

Seine Einschätzung, dass Dialekt seine Berechtigung habe, man dafür aber
kämpfen müsse, teilen wohl alle Tagungsteilnehmer.  Und mancher wünscht
sich mehr Unterstützung. Günter Hessenauer, pensionierter Lehrer aus Nürnberg
beispielsweise ist überzeugt, dass man mit Mundart Menschen für die Kirche
erreicht, die man sonst nicht erreichen würde. Die Mundart zu fördern, müsse
daher „ein Anliegen der Landeskirche“ sein.

Dem pflichtet wohl Helga Schneider bei. Sie stammt aus der Pfalz, war früher
ebenfalls Lehrerin und wünscht sich, „mehr Predigten wären pfälzisch
durchdacht“. Sie müssten dann gar nicht im Dialekt gehalten werden. Wichtig sei
nur: „Der Mensch muss auf seiner Sprachebene erreicht werden.“ So richtig zu
schätzen gelernt habe sie die Mundart wegen ihres reichen Wortschatzes.
Schneider: „Bei Elternabenden habe ich gemerkt, damit komme ich viel besser an
die Leute ran.“

Dies hat auch Gisela Bornowski fest gestellt. „Ich bin im Dialekt schneller
ganz nah an den Menschen“, sagt die Oberkirchenrätin aus dem Kirchenkreis
Ansbach-Würzburg. Und dennoch hat sie das Gefühl, dass ihr fränkischer Unterton
mitunter belächelt wird, auch wenn einige immer wieder sagten: „Erhalten sie
sich das, das macht sie sympathisch.“

Bei Predigten verwendet Bornowski Mundart aber nur satzweise. „Ich habe noch
keine gute Predigt in Mundart gehört, das rutscht immer leicht ins
Kabarettistische ab“, befand die sie. Das spalte stets die Gemeinde: „Die einen
sagen dann sofort: ey, bidde ned scho widder.“

Damit rief sie freilich den Widerspruch einiger Tagungsteilnehmer hervor. „Dann
haben sie eben noch keine gute Mundartpredigt gehört“, hielten sie ihr
entgegen. Ihm sei vieles in der Kirche zu verkopft, meinte Albert Trummer, der
häufig Mundartgottesdienste hält. Und anderen ginge es wohl genauso. Während zu
gewöhnlichen Gottesdiensten 30 bis 40 Gläubige kämen, seien die Mundartgottesdienste
mit 100 bis 150 Zuhörern deutlich besser besucht. Und oft bekomme er hinterher
zu hören:„Endlich habe ich eine Predigt gehört, die ich auch verstanden habe.“

Da spielt vermutlich ein Aspekt rein, auf den Erika Stenglin die Diskussion
lenkte. „Dialekt ist nicht nur lustig, er kann auch sehr nachdenklich sein“,
befand die Nürnberger Mundartautorin. Ein Knackpunkt in der ganzen Diskussion.
Denn nichts ist schlimmer als verkitschte und zur Albernheit verdrehte Mundart.
Da waren  sich die Tagungsteilnehmer einig.

„Im Fernsehen wird Dialekt fast immer mit etwas Lustigem verbunden“, schilderte
der Pappenheimer EBZ-Leiter Gerhard Schleier, der die Diskussion moderierte. „Fränkischer
Dialekt ist zur Farce geworden“ durch viele Comedians, setzte Klaus Winter aus Nürnberg
noch eins drauf. Für ihn ist aber auch Dialekt in der Kirche „fehl am Platze,
wenn man ihn nur zur Kirchweih anwendet, dann wird’s schnell albern.“ Mundart gehöre
mit Regelmäßigkeit in Kirche, „weil er die Sprache der Heimat ist“.

Dies würde Oberkirchenrätin Bornowski zwar so nicht unterschrieben. Sie
pflichtete aber bei, dass es aufgesetzt wirkt, wenn Mundart nur zur Kirchweih
oder an Fasching von der Kanzel töne. „Das hat dann immer so was von: da wird
jetzt was dargeboten.“

Erika Stenglin verwies darauf, dass es ja nicht nur Gottesdienste und Predigten
in der Kirche gibt, „sondern viele Kreise drumherum.“ Sie ist überzeugt: „Da
passt die Mundart besser.“ Eine Erfahrung die Helga Schneider so wohl auch
gemacht hat. Denn für die Pfälzerin steht fest: „Wenn jemand traurig ist oder
sich richtig freut, und jemand freut sich oder leidet mit ihm im Dialekt, dann
kann der das, wie es jemand auf Hochdeutsch nie kann.“

Ein Grund vielleicht, warum Pfarrer Hans Schlumberger aus Weißenbronn im
Landkreis Ansbach sagt: „In der Seelsorge rede ich fast nur Mundart.“ Der
61-Jährige ist überzeugt: „Authentische Mundart bewahrt einen vor dem Kitsch,
weil sie präzise ist, präzise und pointiert“. Das Fränkische könne auch „ganz
gut allem Hochgestochenem die Luft rauslassen“, befand er.

Mundart habe nur dann Schwächen, wenn sie bewusst öffentlich genutzt werde, wie
von manchem Comedian. Dann falle sie gerne „zurück ins Populistische ins
Kleinbürgerliche.“ Der Pfarrer: „Ursprünglichkeit steht hier gegen Folklore.“
Lange schon sei Mundart aus dem öffentlichen Reden verdrängt. Für Schlumberger stellt
sich da die Frage: „Ob ausgerechnet die evangelische Predigt der Raum ist, wo
Dialekt wieder gelingen soll?“

Die Antwort blieb offen. Auch Kultusstaatsekretär Sibler hatte keine. Den
Arbeitskreis aber findet er offenbar gut. „Ich finde es wichtig, machen sie
weiter“, rief er der Runde zum Abschied zu.
ROBERT RENNER